Von fünf Sternen auf null Sterne und wieder zurück in den Sternenhimmel!

Nach 16 Tagen Türkei in den wirklich wunderschönsten Hotels, das letzte davon fünf Sterne Ultra all inclusive deluxe, die ich mir nur dank des Jobs meiner Herzallerliebsten (Reisebranche) leisten konnte, landeten wir pünktlich Christi Himmelfahrt in Frankfurt. Ich war trainiert (zumindest auf Meereshöhe, ein paar mehr gelaufene Berge wären nicht verkehrt gewesen), verletzungsfrei, und mehr als gut ernährt. Ab ins Auto, die beste Frau aller Zeiten zuhause abgesetzt, Koffer in die Ecke, Tasche geschnappt und weiter ins Saarland zum SH-Supertrail, meinem ersten Ultra über zwei Tage.

Was hatte ich mir im Vorfeld nicht alles an Gedanken gemacht, mehrfach meinen Spickzettel überarbeitet, kontrolliert und gegengecheckt, um ja nichts zu vergessen, zumal ich an diesem Feiertag nichts mehr auf die Schnelle hätte besorgen können. Und weiter auf die Schnelle: Kuss, tschüss Schatz, Adresse ins Navi eingetippt, los. Nach über einer Stunde stehe ich wo? In Saarbrücken, WTF. Mein Handynavi folgte brav meiner Eingabe, Nonnweiler, PeterSbergstr., statt Peterbergstr. Geht ja gut los, dachte ich mir schon etwas angenervt. Also weiter, Richtung Nonnweiler, dann auch gleich gefunden und glücklich angekommen.



Wie schön, dort René zu treffen, einen Lauffreund und Nachbar, der sich ganz spontan auch für diesen Lauf entschieden hatte. Wir bezogen zusammen mit anderen Läufern und einem Hund eine der Blockhütten, sehr spartanisch, null Sterne, mich sehr an meine Pfadfinderzeit erinnernd, wohl sehr ultra! Der Empfang durch Bernhard und seiner Frau, die Veranstalter, war super herzlich, wie auch die Kontakte zuvor, so kennt man es in der Szene. Das Abendessen war mehr als reichlich, unter anderem Nudeln ohne Ende, das Buffet hätte mindestens für die doppelte Anzahl an LäuferInnen gereicht, und für eine dreifach nötige Kalorienzufuhr. Dem Koch hat man den Spaß an seinem Job angesehen, aus ihm hätte man drei Ultraläufer schnitzen können. Schon an dieser Stelle: ganz dickes Lob an das Team des Gästehauses Braunshausen, die sich rührend um unser Wohlbefinden gekümmert haben. Läuferherz, was willst du mehr?!

Nach einer sehr kurzen und sehr harten Nacht, geschuldet einer zu dünnen Isomatte auf einer Holzpritsche sowie sechs schnarchenden Männern und einem Hund in einer 10 qm Blockhütte sitze ich dann am Freitagmorgen pünktlich um sechs Uhr im Bus Richtung erster Etappe, 66 Kilometer, 2000 Höhenmeter, mit einem sehr guten reichhaltigen gut bürgerlichen Frühstück im Bauch. Das Frühstück bot alles was die rund 70 Läuferinnen und Läufer brauchen, um so einen langen Tag zu überstehen. Kurze Einweisung durch Bernhard, immer dem blau-grünen Schild SH wie Saar Hunsrück-Steig nach, ansonsten achtet auf die Markierungen. Ok, das kann ich mir merken, trotz meiner Aufregung. Ich Simpel dachte aber nicht mehr an die Wegbeschreibung, die mir Bernhard am Vortag gab, das sollte sich noch rächen. Um sieben Uhr startete die erste Welle, rund 50 LäuferInnen, ich mittendrin, mittendrin in meinem ersten Ultra über zwei Tage.

Und zum Start weinte der Himmel, die gemeldeten 30 Prozent Regenwahrscheinlichkeit konzentrierten sich auf drei Stunden nur über uns Läufern. Gegen die ständige Nässe war ich obenrum gut gerüstet, aber meinen Füßen tat die Feuchtigkeit gar nicht gut, wie sich später herausstellen sollte. Nach dem Start gings erst mal gemütlich drei Kilometer bergab, Schwätzchen hier, Schwätzchen da, dann scharf links ab auf den Trail, immer dem Schild Saar Hunsrück Steig nach. Ab Kilometer vier schon muckte meine Achillesferse, sehr seltsam und beängstigend. Die hatte sich bislang in meiner kurzen Läuferkarriere noch nie gemeldet. Mir fielen hierzu dann sämtliche Berichte über alle möglichen Läuferkrankheiten ein, die ich in jeder Laufzeitschrift bisher verächtlich nur quergelesen hatte. Aber weggelaufen, ab Kilometer 10 war ich schmerzfrei und konnte alles genießen.

Wunderschöne Streckenführung, immer dem Steig nach, fantastische Trails, teils felsig, teils vermoost, teils verwurzelt, weicher Boden im Nadelwald, über Hochmoore auf Planken, dunkelgrüne Abschnitte mit viel Farn. Wie immer unter LäuferInnen nur nette Plaudereien und Austausch von Erfahrungen und Tipps, und sechs Verpflegungspunkte an den genau richtigen Stellen. Zu den VPs: HERZlichen Dank den vielen Helferlein, Ihr habt einen so tollen Job gemacht! Nur hätte ich mir bei dem Regen irgendwo eine warme Suppe oder Tee gewünscht, aber wir waren auf dem Trail und nicht im Traumurlaub. Ansonsten musste ich meinen Notproviant überhaupt nicht öffnen, ich kam wie immer super klar mit ein paar Salamistückchen, etwas Kuchen, und zwei bis drei Becher Cola oder Iso-Getränk. Für mich sind Energie-Riegel und -gels überbewertet.



Ich lief sehr lange mit René und Jessi, zumindest lief ich den beiden lange hinterher, bis ich sie ziehen lassen musste. Aber bis dahin hatten wir viel Spaß, und René, dieses Laufwunder, machte sich sogar den Extra-Spaß, Jessi am wohl längsten Aufstieg, hoch auf den Erbeskopf, huckepack zu nehmen. Das sind Fotos für die Ewigkeit!

Nach dem Erbeskopf (ich gestehe, den habe ich immer nur auf dem Weg nach Trier umfahren, bin ihn nie hochgelaufen, und das sagt ein Pfälzer!), mit 816 Metern der höchste Berg in Rheinland-Pfalz, folgte auch noch bald der Dollberg, mit 695 Metern der höchste des Saarlandes. Cool, zwei Summits an einem Tag erlaufen. Ganz fantastisch war auch der Keltenwall, Mensch, was unsere Vorfahren da geleistet haben, beeindruckend!

Es lief sehr gut bei mir, vor allem war es ein Genuss, mein verschwitztes Shirt nach etwa 40 km gegen ein frisches zu tauschen. Merke: immer Wechselkleidung im Rucksack, macht auch mental wieder frisch. Merke auch: bei so vielen guten VPs brauche ich nicht selbst so viel Getränke mit mir führen, ich kann auch unterwegs nachfüllen. Keine Krämpfe dank Salztabletten.

Ich war super auf meinem Kurs sub 10 Stunden, allein, immer mal wieder überholt von den schnellen Läufern, aber dann, vier fünf Kilometer vor dem Ziel, Nonnweiler schon fast greifbar, nach dem Stausee, hab ich mich sowas von verlaufen. Klar, wie hatte ich es morgens verstanden, immer dem Schild SH-Steig nach? Ich Trottel! Erst nachdem ich vier holländischen Wanderern begegnete, die mir versicherten keinen Läufer gesehen zu haben, war ich mir sicher, in die falsche Richtung gelaufen zu sein. Tja, ich hätte mir nur mal die Wegbeschreibung durchlesen sollen, die mir Bernhard am Vorabend gab.



Im Nachhinein war ich froh, dass mir die Wanderer negative Auskunft gaben. Stellt euch vor, sie hätten tatsächlich einen Läufer getroffen, und ich - total blutleer im Kopf konnte ich mich ohnehin nur schwer auf Englisch verständlich machen - würde wohl noch heute dem Steig folgen, denn mein Handy-Akku war fast leer, und Empfang im Wald gabs nicht. Egal, den Frust in den Wald gebrüllt, Beine in die Hand genommen und die Strecke zurück. Das bedeutete rund 8 km mehr auf der Uhr und insgesamt fast 11 Stunden. Wie glücklich war ich dann wieder Läufer aus der Gruppe zu treffen und die letzten Kilometer in Ziel zu trotten. Müde, geschafft, und ein bißchen stolz.

Jungs, es war ne nette erste Nacht mit euch in der Blockhütte, aber meinen schweren Beinen und der bleiernen Müdigkeit geschuldet habe ich mir im Gästehaus ein Zimmer gebucht, das Bett war soooo himmelweich, ich war wieder im Fünf Sterne Bereich. Meinen Füßen hatte die Nässe des Vortages gar nicht gut getan, sie waren aufgequollen und wund gelaufen. Warum um Himmels Willen trage ich Ersatzsocken im Laufrucksack und wechsle dann nicht??? Und warum habe ich meine Schuhe nachts nicht richtig trocknen lassen??? Die Bilder meiner Füße am Morgen lässt die Zensur nicht durch, die wollt ihr auch gar nicht wirklich sehen.



Nach dem ersten Tag hatte ich abends kaum Hunger, und auch morgens nach einer ruhigen sehr erholsamen Nacht bekam ich nur mit Mühe zwei Wurstbrötchen und etwas Ei runter. Erstaunlich bei dem Kalorienverbrauch, aber vielleicht bin ich gut in die Fettverbrennung hinein trainiert. Wieder Start um sieben Uhr, dieses Mal fast 60 km vor uns, aber heute bei perfektem Laufwetter, trocken und nicht zu warm. Ersatzakku war dieses Mal eingepackt, ich wollte mich ja nicht wie Rotkäppchen wieder im Wald verlaufen.

Heuer führte die Strecke anfangs über viele Wiesen, so dass alle paar Kilometer Zeckenkontrolle angesagt war. Es machte die Runde, dass wir als Lebendköder der Trierer Zeckenfreunde durch dieses Gelände geführt wurden, ha ha!



Viele Bäche überquerten wir, prima Gelegenheit für einen kurzen Halt, das Wasser zischte nur so erfrischend auf der Haut. Biberdämme habe ich gesehen, viele Feuchtwiesen, teilweise ganz dicht und hoch bewachsene Pfade wie im Dschungel, an Burgen vorbei, entlang Resten römischer Bauten, traumhaft, Trailträume! Leider aber auch Spuren der Forstwirtschaft in Monokulturen gekreuzt, zerstörte Böden von den Maschinen, als hätte hier ein Panzer-Bataillon geübt. Vielen Wanderern sind wir auf dem Steig begegnet, Mountainbike-Fahrern, sogar mit einem Läufer, der dort trainierte, habe ich kurz geschwätzt. Leider habe ich auch erfahren, dass ein Läufer stürzte, weil ein Wanderer keine Rücksicht nahm.

Apropos Steig: Heute kamen mir die Steigungen viel steigiger vor, jo waren meine Beine schwer! Und erst die Abstiege, zunehmend konnte ich sie nicht mehr laufen, selbst die kleinste Neigung nicht mehr, es gerade da nicht mehr laufen lassen, nur noch schmerzhaftes Gehen bergab, und ich verlor Zeit. Ab Kilometer 48 brannten mir so sehr die Fußsohlen, als würde die Haut platzen. Jetzt rächte sich das Laufen am Vortag in nassen Socken, und meine Schuhe (wechseln wollte ich diese morgens aber nicht) waren auch nicht wirklich über Nacht getrocknet. Jeden Stein spürte ich, aua, und knickte häufig um, die Kraft war weg. Aber wie so häufig in diesen vielen Stunden produzierte der Körper wohl eigene Schmerzmittel, und weiter gings. Allerdings war ich heute meist allein auf der Strecke, René war schon vom Start an weg. Anderen Grüppchen konnte ich nur eine Zeit lang folgen, das war mental schwer, da mich nichts ablenkte; selbst mein Red Bull als Treibstoff für die letzten Kilometer half nur bedingt, ich schaute dauernd auf die Uhr und die letzten zwei Kilometer ging ich langsam ins Ziel ...egal, Hauptsache nicht verlaufen und ankommen!

Im Ziel mit Applaus empfangen, das tat so gut, Medaille mit Stolz um den Hals gelegt genoss ich dann das Weizenbier und die leckeren Bratwürste. Ich war im Ultrahimmel, fünf Sterne Lauf, glücklich.

SH-Supertrail, Super Heftig, aber super schön, und wie ich mir immer wieder mantramäßig auf den vielen Kilometern vorsagte: S.H. nach den Initialen seines Bezwingers Stephan Hahn, der SuperHeld ;-). Am Ende hatte ich 135 Kilometer und 3600 Höhenmeter auf der Uhr und eine fantastische Erinnerung in mir!



Herzlichen Dank an Bernhard und sein Team für diese rundum gelungene Ultraveranstaltung, ich komme und laufe wieder bei euch! Vielen Dank auch an die Läuferinnen und Läufer, was ne geile Truppe, und ganz lieben Dank an meine Laufgruppe, die Happy Running Family, ihr habt mich getreu unserem Motto gezogen und geschoben. Insbesondere aber Danke an meiner Herzallerliebste, die an mich geglaubt und die mich auch auf der Strecke durch wunderbare SMS motiviert hat!

Geschrieben habe ich diesen Bericht jetzt drei Tage nach dem Lauf, die Beine wollen und können wieder trainieren, für den ZUT in vier Wochen mit der Landau Running Company, und die Füße passen auch schon wieder in normale Schuhe, nachdem ich gestern mit Badelatschen durchs Büro humpelte. Alles gut also, nach dem Lauf ist vor dem Lauf!