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Wissenswertes und Erfahrungsberichte
rund ums Laufen und die Gesundheit

An dieser Stelle berichten wir sporatisch über Erfahrungen aus der Läuferszene,
gerne könnt Ihr eure Texte einsenden , die dann je nach Relevanz, Kuriosität oder
Tiefgründigkeit hier veröffentlicht werden können. Eine entsprechende Prüfung
behalten wir uns vor



Zu den folgenden Themen liegen bereits Texte vor :

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Nachhaltige Gewichtsreduzierung leicht gemacht!

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 8.10.2016


Zweifellos leben wir in einer für unser geistiges und körperliches Leben in einer guten Zeit;
in früheren Jahrhunderten hätten sich unsere Vorfahren wohl das
Schlaraffenland so vorgestellt.

Nahrung in Hülle und Fülle gibt es in Europa für jedermann, leider kommt das nicht bei jedem
nachhaltig gut an.

Früher darbten die Hungerleider, heute spannen bei den übergewichtigen die Kleider.

Und das ist bei weitem nicht nur ein kosmetisches Problem,denn es lässt auch die individuelle
Lebenszeit bei vielen nach unten gehn'.

Diese Entwicklung erzeugt Verdruss, und ist in Wirklichkeit für Niemand ein Muss!

Denn die Natur hat dem Menschen Beine gegeben, um sich damit zu bewegen. Und allein der
Vogel Strauss kommt, was Ausdauerleistung betrifft noch besser raus.

Der Mensch ist von Natur aus ein ausdauerndes Läufer, der in der Frühzeit seiner Entwicklungs-
geschichte seinen Beutetieren, den Antilopen in der ost-afrikanischen Savanne - seiner Urheimat -
hinterherrennen musste, bis diese vor Erschöpfung nicht mehr weiter konnten, um sie dann zu
erlegen.

Daneben war das Sammeln von pflanzlicher Nahrung ebenfalls mit viel Bewegung verbunden,
und dennoch wurden wohl die Mägen unserer Urvorfahren nicht täglich bis zum "geht nicht mehr"
gefüllt, was die Natur mit Sicherheit auch für den Menschen nicht vorgesehen hat!

Adipositas mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit
dürfte damals wohl so häufig vorgekommen sein wie heute ein 6-er mit Zusatzzahl im Lotto.

Die Errungenschaften der Industriellen Revolution vor 200 Jahren und vor allem der geradezu
explodierende Massenwohlstand seit Ende der 50-iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ließ
vieler Orten die Körpermaße unserer Zeitgenossen auseinandergehen wie frische Napfkuchen.

Neben ausreichender Bewegung, die sich auch seelisch für jedermann durch die Ausschüttung
von körpereigenen Glückshormonen höchst positiv bemerkbar macht, kann auch eine gewisse
Essensplanung den Menschen vor Körperverelendung durch Verdicken bewahren.

Man benötigt nur wenig Disziplin, wenn man einen Tag in der Woche, was die Nahrungsaufnahme
betrifft, einen Austag macht.

Gut ist es dann, wenn man über den Tag viel Wasser trinkt und auch Gemüsesaft mit einem
Esslöffel Olivenöl zu sich nimmt, um die fettlöslichen Vitamine darin verwerten zu können.

Die anderen 6 Tage der Woche isst man dann wie gehabt - wenn es geht - mit nur wenig Zucker-
sachen und Alkohol.

Ein Jo-Jo-Effekt ist nicht zu befürchten, da nur dieser eine Fastentag nicht ausreicht, im Körper
Impulse freizusetzen, die den Stoffwechsel herunterfahren.

Schon 4 Wochen später kommt beim Anblick auf das Waagenziffernblatt Jubel auf!

GARANTIERT!



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Sanitäre Anlagen und einiges drum herum

(Dieses Kapitel sollten etwas Zartbesaitete am besten überblättern!)

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 19.10.2016


Der Ernährung des Ausdauerathleten ist in der einschlägigen Laufliteratur verdientermaßen ein
hoher bis sehr hoher Stellenwert gewidmet. Aber auch den Prozess der Nahrungsweiterentwicklung
im menschlichen Körper bzw. dessen Entledigung der betr. Stoffwechselendprodukte kann man, wenn
man umfassend über die Läuferwelt berichtet, nicht außen vor lassen.

Mir persönlich ist aufgefallen, dass bei Großveranstaltungen wie Stadtmarathons immer viel zu
wenig mobile Klohäuschen (=Dixies) aufgestellt sind.

Infolgedessen bilden sich dann schon Stunden vor dem Start lange Warteschlangen der Darmbewegten,
die dann manchmal mehrere 10 Minuten lang davor ausharren müssen. Jetzt ist überwindung angesagt,
denn der Geruch in diesen Ekelorten wird nach jedem weiteren Nutzer für die Nase unfreundlicher.
Ich bin davon überzeugt, dass der Verleiher von speziellen Dixieklogasmasken so ungefähr eine
Stunde vor den Marathonstarts in Berlin, Hamburg oder Frankfurt sich ein ansehnliches Einkommen
erwirtschaften würde.

Ich persönlich meide zwar so gut es geht - in den meisten Fällen und besonders bei Landschafts-
marathons - solche Ekelorte, denn dort ist es möglich, seine Notdurft im Wald oder hinter Gebüsch
zu erledigen. Aber manchmal ist man doch auf diese blauen Plastikhäuschen angewiesen.

Beim Spreewaldmarathon 2005 war ich nach 15-minütigem Warten und zwischenzeitlichem extrem
aktiviertem Willen im Kampf gegen die dynamische Entwicklung meiner Darmperistaltik endlich an
der Reihe. Nach dem öffnen der Tür schlug mir ein infernalischer Gestank entgegen, die Toiletten-
brille, sowie davor war alles zugeschissen. Mit schon an Akrobatik angrenzender Körperhaltung
befreite ich mich dann luftanhaltend von meinem inneren Drang.

Ein Erlebnis verdient es wohl auch, erzählt zu werden.

Bei Landschaftsmarathons nahm ich, wo es gestattet war, oft meine jetzt
leider jenseits der Regenbogenbrücke verweilende liebe Schäferhündin
Cora mit. So nach ca. 20 km bog ich vom Weg zum Wasserlassen in ein
Wäldchen mit dichtem Unterholz ein, nicht ahnend und nicht sehend, dass
keine 20 m entfernt eine Läuferin im Begriff war, das Gleiche zu tun.

Ein plötzlich erfolgtes schrilles Gekreische von dort führte abrupt zum
Stopp meiner Waldbewässerungsaktivität… sah ich doch jetzt, dass Cora
leutselig, gutherzig und menschenfreundlich wie sie halt war, der Frau
über den nackten Hintern leckte…

Peinlich, sehr peinlich war diese Angelegenheit. Cora ließ dann nach
dem ersten Rufen sofort von ihr ab, und ich entschuldigte mich bei ihr.
Später im Ziel hatte ich sie nochmal getroffen, sie war guter Dinge
und lachte, da hatte ich großes Glück gehabt, denn viele würden wohl
ganz anders reagieren.


Bei Amerikanischen Kinofilmen gibt es für besonders gute Leistungen von Seiten der Filmschauspieler
oder Regisseure Oskars. Bei Minderleistungen dagegen einen Schmähpreis die goldene Himbeere.

Toilettenzustände könnten ebenso mit Preisen versehen werden, wobei bei entsprechenden Zuständen
meines Erachtens "das bronzene Ferkel" wohl die richtige Antipreisbezeichnung wäre.

Bei einem Ultratrailevent in den französischen Pyrenäen wäre wohl "das bronzene Ferkel" angebracht
gewesen, war doch schon im Souterrain der Veranstaltungshalle vor den eigentlichen Toiletten alles
zugekotet.

Einmal kam mir auf einer Wendestrecke eines Stadtmarathons ein junger und schneller Läufer mit
kurzen weiten Laufhosen entgegen, dessen beide Beine schmierig angebräunt waren. Anscheinend war er
ohne Rücksicht auf Außenwirkung auf der Jagd nach seiner persönlichen Bestzeit!

Auch musste ich schon mal selbst erfahren, dass einer in einer Einzeldusche übelst riechende und
großvolumige Stoffwechselendprodukte hinterlassen hatte, was beweist, dass Läufer nicht die besseren
Menschen sind.



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…auch so hätte sich das weitere Leben entwickeln können

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 26.10.2016


Nachdem ich mich als 54-jähriger im Jahre 1999 schnaufend und kopferrötend mit einem Lebendgewicht von 103 kg
die Treppen hinaufbewegte, begann mein Innerer Guthund mit mir zu schimpfen:" Wie soll das denn weitergehen
mit Dir? Du solltest Dich schämen, redest Du doch immer davon, wie wichtig Willensstärke alleine der Garant
für sein eigenes Glück ist! Wo ist denn Dein Wille geblieben, Du Schwätzer?"

Mein Innerer Schweinehund entgegnete:" Tja, so ist das halt, wenn man in die Jahre kommt…Immerhin wirst Du doch
bald 55, und das ist dann völlig normal! Betrachte Dir doch nur mal den Willibald und den Hannes, gegen die bist
Du doch noch ein richtig strammer Kerl! Sei zufrieden mit Dir und trinke am besten jetzt gleich mal ein ordentliches Bier!"

Ich nahm mir die Mahnung des Guthundes zu Herzen und bald wog ich keine 103 kg mehr und musste nicht mehr rotgesichtig
und nach Luft schnappend die Treppen hochschleichen, weil ich Langstreckenläufer geworden bin.

So, hätte es auch kommen können, hätte ich nicht auf meinen Inneren Guthund gehört:
Irgendwann wäre ich wohl bei einem Körpergewicht von 125 kg angelangt, hätte dann wie Willibald und Hannes die Körper-
waage entsorgt und auch den Spiegel abgehängt…

Abends im Wirtshaus hätte ich dann den Thekenhero gespielt…

Und mit Willibald und Hannes, die was das Körperweitenwachstum anbelangt, immer noch etwas mir voraushaben, wäre dann
wohl eine Unterhaltung zum Thema Laufsport folgendermaßen abgelaufen:

Willibald: "Gestern Abend begegnete mir wieder der Berthold, wie er nach Luft schnappend und qualvoll schauend
in affig bunter Kleidung wie ein Känguru hoppsend mir entgegen kam…"

Hannes: "jo, jo der Berthold, der hat eigentlich schon immer gesponnen… und überhaupt, wisst Ihr eigentlich,
was der für einen Drachen zu Hause sitzen hat? Zu melden hat der daheim nichts, dem bleibt ja auch gar nichts
anderes übrig, als sinn- und hirnlos durch die Gegend zu rennen. Wenn der mit uns mal ein Bier trinken würde,
seine Alte wäre dann wahrscheinlich außer sich… Ganz sicher würde sie ihn schlagen!"

Ich: "jo, er ist ein armer, sehr bedauernswerter Mensch. Wenn ich mir diesen halben Hering so betrachte (mir
dabei mit Wohlwollen auf meinen Bauch schauend), muß ich immer an Bilder von Auschwitz denken, an die armen
fast verhungerten KZ-Insassen, die im Januar 1945 von den Russen befreit worden sind…, und jedes Mal, wenn
ich ihn sehe, habe ich den Eindruck, er sei schon wieder etwas dürrer geworden!"

"Und dieses Laufen überhaupt, es scheint mittlerweile eine furchtbare krankmachende Volksdroge geworden zu sein…
Ständig und überall sieht man diese Narren herumrennen, manche grinsen dann auch noch dabei so blöd, als
hätten sie Spaß dabei… "

"Wie kann man denn nur so dumm sein, sich mutwillig die Gelenke kaputt zu machen, ganz sicher werden die noch
in vergleichsweise jungen Jahren am Rollator gehen oder gar auf dem Rollstuhl sitzen…"

"Willibald und Hannes, danke für Eure Runde. Die nächsten 3 Maß Bier gehen jetzt aber auf meine Rechnung! Prost!"

"Jo, kürzlich habe ich gelesen, daß es bei solchen Marathonläufen, wo sage und schreibe 42 km gelaufen werden,
ständig Läufer umkommen. Sie sterben wie die Fliegen, wundern tut mich das nicht… 42 km, die spinnen doch total!"

Willibald: "Was scheren mich diese masochistischen Dummköpfe…puh, nach den 3 l Bier hab' ich jetzt richtig
Appetit gekriegt… Wisst Ihr was, ich spendiere jetzt für uns 3 je eine richtig gute Curry-Wurst…"

Hannes und ich: " Au ja, Klasse Willibald, da sind wir gern dabei!"

Hannes: " ja und ich gebe anschließend eine Runde doppelten Korn aus!"

"Ja, und der Berthold hat mir mal erzählt, er würde jetzt auch in Biel 100 km laufen. Das ist vielleicht
ein Prahlhans und Wichtigtuer… Als wenn ein Mensch jemals 100 km laufen könnte; davon habe ich noch nie
etwas gehört…der lügt doch!"

Willibald:" Jo, der B. hat ja schon immer phantasiert, tät mich nicht wundern, wenn er bei seiner Rennerei
einen Schlaganfall bekäme…"

Willibald und Hannes sich bereits an der Theke festhaltend: " Komm lass' diese Laufhanswürste doch machen…
Wir genießen unser Leben, und wir bestellen jetzt das 4. Maß…
Prost! Zum Wohlsein!"



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Freude am Laufen…

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 26.10.2016


…bedeutet bei mir ohne Zeitvorgabe und ohne Zeituhr unterwegs zu sein,

den Moment zu genießen und den Weg als Ziel gedanklich wahrzunehmen,

die Sonne,
          den Regen,
                    den Schnee,
                              den Wind und
                                        den Schweiß genüsslich auf der Haut zu spüren,

den gleichmäßigen Atem,
das wunderbare Funktionieren des Kreislaufs,
das mit der Leichtigkeit des Seins einhergehende Traben
mit dem Kontinentalflug der Kraniche zu vergleichen,

hin und wieder mich an kraftbringenden Intervalleinheiten zu erfreuen,
sowohl barfuß
als auch mit Sandalen und Laufschuhen mit starker Dämpfung unterwegs sein zu können,

die Ausschüttung von körpereigenen Glückshormonen (=Runners High) zu genießen,
wobei sich positive Gedanken und unvermittelt kreative Ideen auftun,

die Schönheit der Natur auch im Kleinen und Großen,
den Wechsel der Jahreszeiten und der Wetterlagen
zu erkennen und positiver Bedeutung beizumessen,

freundlich andere Läufer zu grüßen und angenehme Gespräche zu führen
und damit meinen großen Bekanntenkreis weiterhin aufzustocken.
in der Lage zu sein, Marathons und 100-km Läufe
ohne in einen Erschöpfungszustand zu geraten,
im Ziel beenden zu können,

und optimistisch die Perspektive vor Augen zu haben,
dass durch die beim Laufen stattfindende Stärkung des Immunsystems
und das dadurch bedingte Fernbleiben von Krankheiten
dies noch für lange Zeit so weitergehen kann!



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Der Tod als Freund (ein modernes Märchen)

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 6.4.2017


Es ist am späten Nachmittag eines sonnigen und warmen Frühlingstages, als ein
mitfünfziger Langstreckenläufer mit seiner frei laufenden Deutschen Schäferhündin
wieder auf einem Trailpfad in einem tiefen Tal des Hunsrücks meditativ laufend und
die mittlerweile erwachte Natur genießend unterwegs ist.

Er biegt um eine Kurve und sieht ca. 10 m vor sich, wie 3 junge figürlich untersetzte
und bullig wirkende junge Männer gerade im Begriff sind, einen schon auf dem Rücken
liegenden bewusstlos erscheinenden ebenfalls in den mittleren Jahren aussehenden
Mann umzubringen.

Einer sticht ihm gerade ein großes Messer in seinen Bauch, ein anderer schlägt ihm
einen Felsbrocken ins Gesicht und der Dritte tritt ihm mit seinen schweren Stiefeln
gegen den Hinterkopf.

Der frei laufende Hund springt dem Messerstecher sofort an die Gurgel und verbeisst
sich an ihm; mit großer Kraftanstrengung kann der Verbrecher sich vom Hundebiss
befreien und ergreift stark am Hals blutend die Flucht.

Der Läufer springt sofort den Kerl mit dem Stein in der Hand an, schlägt ihm eine Faust
mit Wucht auf die Nase und tritt ihm in den Unterleib, wobei dieser schmerzschreiend zu
Boden geht und dann mehr kriechend als laufend ebenfalls flüchtet.

Dem Dritten beißt die Schäferhündin Cora in den Hintern, gleichzeitig bekommt er dazu
noch einen kräftigen Faustschlag auf seinen Adamsapfel, worauf auch er sich tief-
schnaubend aus dem Staub macht.

Nun wendet sich der Läufer dem Opfer zu, dem das Blut aus den Augen, den Ohren und
der Nase läuft. Auch am Bauch hat es mehrere stark blutende tiefe Stichverletzungen.
Der überfallende ist bei vollem Bewusstsein und bittet seinen Retter mit beeindruckend
klingender Stimme, ihm seine Augen mit dem Wasser des unmittelbar neben dem Pfad
fließenden Bachs auszuwaschen.

Die Bitte wird erfüllt. . . und sofort hören alle Blutungen auf, und er erhebt sich
in einer Weise, als hätte er überhaupt keine Verletzungen davon getragen.

So ca. 2 m ist er groß, athletisch gebaut, seine Körperhaltung ist ehrfurchtgebietend
gerade, und der Blick seiner Augen ist absolut respekteinflößend. Bekleidet ist er mit
einem schwarzen Hemd mit offenem Kragen, drüber trägt er einen ebenso schwarzen
Zweireiher mit goldenen Knöpfen. Seine Beinbekleidung sind schwarze Lewis-Jeans
und an den unbestrumpften Füßen trägt er schwarze Teva-Sandalen. Ihn umgibt ein
sonderbarer Geruch . . .er erinnert an angebrannte Tischtennisbällchen!

Seine Stimme klingt metallisch und extrem dominant, genau passend zu seinem äußeren
Erscheinungsbild, das im vorneherein jeglichen Widerspruch unmöglich macht!

"Wie kann es sein, daß Du nach diesen schweren Blutungen absolut ungeschwächt
bist und das Blut sofort aufhörte zu fließen, nachdem ich Dir die Augen wusch?
Du musst wohl ein ganz besonderes Wesen sein!"

Die Antwort:" Ha, ich kenne Dich! Erinnere Dich doch mal zurück an Deine Jugend,
als Du siebzehnjährig am breiten Sandstrand von Scheweningen (Niederländische
Nordsee) liegend wieder langsam zu Dir gekommen warst, als Du die Gefahren der
Nordsee unterschätzt hattest und viel zu weit hinausgeschwommen warst!
Beim Zurückschwimmen warst Du wegen des Schwindens Deiner Kräfte in Panik
geraten, es drang Wasser in Deine Lungen ein und hattest ein ganz besonderes
Erlebnis. Du sahst wie in einem Film Dein kurzes Leben sich abspielen, als
Vorschulkind auf einer Frühlingsblumenwiese im Beisein von Mutter und Vater
flatternden Schmetterlingen nachjagend, etliche aber nur angenehme Schulerebnisse
mit Freunden und auch Deine erste zaghafte platonische Liebe in einem Ferienlager
in Südfrankreich im Jahr davor!

Es war ein Nahtoderlebnis, ich wollte Dich nicht sterben lassen und hatte schon
damals einen guten Eindruck von Dir!

Ja, ich bin KEIN Mensch, ich bin der TOD. Und da Du mir, für mich erwartungsgemäß,
soeben beigestanden hast, will ich Dich jetzt belohnen! Ich werde Dich und Deinen
guten Hund für Eure Verhältnisse lange und gesund mit viel Freude leben lassen.
Fast alles, was Du anpackst und worauf Du wirklich Wert legst, wird Dir gelingen!

. . . und ich werde Dir rechtzeitig ankündigen,
wann ich Dich zur ewigen Ruhe abholen werde!"

Mit einem kräftigen, fast schraubstockartigem Händedruck verabschiedete sich der
Tod und war majestätisch gehend schnell außer Sichtweite.

Viele Jahre war der mutige Retter oft auch mit seinem lieben Hund in vielen Ländern
marathon- und ultramarathonlaufend unterwegs. Und in der Tat, fast alles, was er
anpackte, gelang ihm auch.

Er lernte eine neue Lebenspartnerin kennen und lieben, mit der er harmonisch
und freudvoll zusammen viele wunderbare Reisen unternahm und glücklich sein
Leben mit ihr zusammen lebte.

Auch dem Hund war ein schönes sehr abwechslungsreiches Leben gegeben . . .
als er elfjährig an den Folgen von Milzkrebs starb, finishte er 14 Tage zuvor
noch den 7-Gebirgsmarathon.

Und auch als viele Gleichaltrige schon längst gestorben waren oder sterbenskrank
darniederlagen oder am Stock oder Rollator gingen, fand er immer noch Gefallen
daran, an Ultramarathons teilzunehmen und diese auch im Ziel zu Ende zu bringen.

Doch eines Tages verstarb seine geliebte Lebenspartnerin an den Folgen eines
Verkehrsunfalls. Sie wurde als Fußgängerin von einem Auto erfasst . . .
Dieser Verlust war entsetzlich und fürchterlich für ihn.

Der rote Wein, den er hin und wieder gerne trank, schmeckte ihm nicht mehr.
Immer mehr und immer stärkere Schmerzen befielen seine Füße und Gelenke.
Die Lust am Laufen war dahin, sogar mit dem Wandern hörte er auf.
In den Spiegel, in dem er sich vorher meist gerne betrachtet hatte, schaute
er aus Angst vor Vergreisungsmerkmalen nicht mehr. Beim morgendlichen
Aufstehen war er genau so müde wie beim abendlichen zu Bettgehen . . .

Da klopfte es eines Abends an seine Tür . . .

. . .und er erkannte ihn sofort, der Geruch, die Körperhaltung, die Augen, die Stimme.

"Was. . . Du bist es! Du hattest mir doch versprochen, Dein Kommen anzukündigen!"

"Aber . . . das habe ich doch auch getan. Der Tod Deiner geliebten Partnerin,
kein Geschmack mehr für Essen und Trinken, Deine Körperschmerzen, Deine
permanente Müdigkeit, der vollkommene Verlust Deiner Lebensfreude . . .
das waren doch meine Ankündigungssignale!

. . . und erinnere Dich doch mal an Deinen Lieblingsspruch, den Du bei vielen
passenden aber auch unpassenden Gelegenheiten in die Welt hinaus posauntest:
'Die Natur hat keine Pflegeheime vorgesehen!' "

"Klar doch, Du hast vollkommen recht! Ja, ich bin bereit und komme mit Dir!"

Der Tod legte ihm wie ein sehr guter Freund den Arm um die Schulter, setzte
ihn neben sich in eine große weiße Limousine und fuhr mit ihm an einen großen
tiefromantisch wirkenden Bergsee, wo er ihn mit einem geräuschlosem Elektroboot
begleitet von einer Formation bestehend aus etwa einem Dutzend rabenschwarzer
Schwäne ca. 10 m über ihnen fliegend, zu einer kleinen Insel brachte.

Dort stand eine große Säulenhalle aus weißem Marmor, den altgriechischen
Tempeln nicht unähnlich, nur viel größer . . .

Darin betrat er mit ihm eine Bühne, wo davor mehrere Hundert Leute versammelt
waren. Fanfarentöne und Trommelwirbel erklangen und es roch wie auf einer
Frühlingsblumenwiese nach einem reinigendem Gewitter.

Als Erste erkannte er darunter seine hübsche Lebensgefährtin im jugendlichen
Antlitz, die ihm freudestrahlend handküssend zuwinkte. Dann erspähte er seine
schön anzusehende Mutter, ebenfalls in den besten Jahren befindlich, die Cora
(Schäferhündin) hatte sie angeleint neben sich, sie bellte freudeerregt und
wedelte wild mit ihrem Schwanz.

Seinen Vater, wie fast immer elegant gekleidet in einem hellbeigen Sommeranzug
mit seinem Panamahut auf dem Kopf winkte ihm lächelnd zu. Freund Richard aus
San Francisco, der ihn während seines Badwater-Ultramarathons supportete und
ihm nach dem Zieleinlauf eine Dose Karlsbergbier präsentierte, stand da,
bekleidet mit Laufklamotten und auch wieder eine Dose Bier in der Hand.
Viele, viele Leute, darunter auch einige verflossene Liebschaften hießen ihn
Willkommen. Es waren ausschließlich Freunde und Sympathisanten anwesend
und alle wirkten jugendlich unbeschwert.

Danach wurde er in einen sauberen, wohl riechenden und kirschblütenweiß
gestrichenen Raum geführt, zu einem Himmelbett, worin seine Lebenspartnerin
schon schlafend lag.

Bevor er dann seine Augen für immer schloss, fühlte er noch wie eine Hand
liebevoll seine Stirn streichelte und hörte des Todes unverkennbare Stimme:
" Ruhe sanft, mein Freund und friedfertiger Krieger!"

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SO WEIT DIE FüSSE TRAGEN


100 km Dodentocht in Bornem bei Antwerpen (Belgien) 10. und 11. August 2018

ein Beitrag von Bernhard Sesterheim, 4.9.2019


Es handelt sich hierbei um ein Wanderevent ohne Wettbewerbscharakter, an dem ich bereits
schon sechs Mal teilgenommen hatte. Im Jahre 1970 fand dieser Dodentocht zum ersten Mal
mit 69 Wanderern statt und ist inzwischen zu einem der größten und bekanntesten 100 km-Märsche
Europas gewachsen, an dem Teilnehmer von über 20 Nationen zusammen kommen. Dieses Jahr wurde
das Teilnehmerlimit auf 13.000 begrenzt. Im übrigen heißt das flämische Wort Dodentoch auf Deutsch
Todesmarsch, weil sich manche simpel strukturierte Leute nicht vorstellen können, dass der Mensch
eine solch lange Strecke zu Fuß bewältigen kann.


Welch ein Trugschluß, ist doch der Mensch das ausdauernste Säugetier überhaupt, denn er kann,
wenn er genügend trainiert ist, weiter laufen als das Pferd, das Kamel oder der Wolf.
Es gibt nur ein Tier, das ausdauernder ist, und es handelt sich dabei um kein Säugetier,
sondern um den Vogel Strauß!


Bereits um 9 Uhr am Freitagmorgen startete ich in Trier, um so gegen die Mittagszeit am Start- und
Zielort Bornem anzukommen, damit ich wie gehabt eine kleine Mahlzeit dort einnehmen und mit Bekannten
ein wenig plaudern zu können.


Völlig problemlos verläuft die Autofahrt über die Eifelautobahn, an Lüttich vorbei Richtung Brüssel.
Da ich die Strecke schon öfters befuhr, fühlte ich mich sicher, ohne Orientierungshilfsmittel wie
Straßenkarte oder gar Navigationsgerät im Ziel anzukommen.


Denn bis dato vertrat ich immer die Meinung, dass Navigationsgeräte eigentlich nur für Leute völlig
ohne Geographiekenntnisse wichtig sind. Gerne sagte ich jedem, ob er es hören wollte oder nicht, dass
die Navis dumm machen…


In der Nähe von Brüssel mittlerweile angekommen, verfehle ich wohl durch verminderte Aufmerksamkeit
wegen zu großer Selbstsicherheit in puncto Orientierung die abzweigende Autobahnstrecke Richtung Antwerpen.


Jetzt fahre ich in die belgische Hauptstadt hinein, würde gerne zurückfahren, was aber nicht funktioniert,
da ich keine Stelle finde, an der ich nach links abbiegen kann… Eijeijei…


Etliche km fahre ich geradeaus und lande schließlich in der Innenstadt und hoffe, doch bald ein Hinweis-
schild auf die Ringautobahn zu sehen. Km um km fahre ich und keine Orientierungshilfe kommt… Sapperlott,
machen Navis wirklich dumm? "Puh…was hast Du Dir jetzt schon wieder eingebrockt, Du Dummkopf?" sagt der
gerade erwachte Innere Schweinehund zu mir, und mein Blutdruck steigt…


Der Innere Guthund kommt mir prompt beruhigend zu Hilfe:" Erinnere Dich doch mal zurück an Deine Zeit, als
Du im Twenalter Dich als Autofahrer sogar in der damaligen 15 Millionenstadt Teheran als absoluter Analphabet
(die persische Sprache wird mit Arabischer Schrift sichtbar gemacht!) Dich zurechtfandest, indem Du Dich an
der Himmelsrichtung orientiertest!"


Glücklicherweise scheint gerade die Sonne, es ist Mittag und ich kann dadurch gut erkennen, wie ich fahren
muss, um nach Norden zu gelangen. Und tatsächlich bereits nach 10 Minuten erreiche ich eine Straße, an der ich
Schilder von mir bekannten Ortsnamen lesen kann. Nach ca. 20 Minuten komme ich dann in Bornem an, wo ich
mich mittlerweile gut auskenne und parke meinen Wagen an einem Platz, an dem ich zuvor schon öfters war.


Wohlgemut schlendere ich zum mir wohlbekannten Platz, an dem die Startunterlagen ausgegeben werden und
erhalte prompt meine Unterlagen mit der Startnummer 12792. Ich hatte mich vor Monaten gerade noch rechtzeitig
angemeldet, denn bei 13000 war Schluss.


Ich esse an einer Bude 2 sehr wohlschmeckende Burger wie die Jahre zuvor und trinke 3 kleine Gläser Bier,
unterhalte mich mit einem neuen Bekannten aus der Laufszene sehr angenehm und begebe mich danach zum Park-
platz zurück, um in meinem dort abgestellten Pkw mich noch einige Zeit auszuruhen. Unterwegs begegne ich noch
dem absoluten Vielmarathonisten und wahrscheinlichen Weltmeister in Sachen Marathon, Christian Hottas, der
mittlerweile über 2.500 Marathons incl. Ultras im Ziel beendet hat im Gefolge seiner Laufgefährtin Christine
Schröder, die sage und schreibe innerhalb von 10 Jahren über 800 Marathons incl. Ultras auf ihrem Konto hat.
Die Begrüßung mit beiden verlief sehr herzlich, was auch dazu beiträgt, dass ich sehr froh bin, wieder hier zu sein.


Der Start erfolgt wegen der großen Teilnehmermasse an 2 gegenüber gelegenen Plätzen, die mit mobilen
Drahtzäunen abgesperrt sind. Zuvor muss sich jeder Teilnehmer einer Rucksackkontrolle unterziehen, die
von den Mitarbeitern der Dodentocht-Organisation gewissenhaft durchgeführt wird.


Um 18 Uhr erreiche ich den rechts liegenden Startplatz. Ohrenbetäubende Musik schallt mir entgegen, so
dass ich leider mit niemandem kommunizieren kann. Dafür ist das Beobachten der langsam anschwellenden
Teilnehmerzahl, die den Platz bis zur Startzeit zu mindesten 85 % ausgefüllt haben wird, ein wirklich
interessantes Erlebnis.


Von 14-jährigen Buben und Mädchen bis zu Senioren und Seniorinnen in den 80-zigern ist alles vertreten.
Man sieht drahtige, gut Durchtrainierte neben Leuten, denen man eher das Sofaruhen vor dem Fernseher als
primäre Freizeitbeschäftigung vom körperlichen Erscheinungsbild her zutrauen würde.


Ca. einen halben Meter neben mir hat sich ein rastalockiger Schwarzafrikaner niedergelassen, der mich freund-
lich betrachtet und mir seinen Daumen nach oben zeigt, was ich ebenso freundlich erwidere.


Auf meiner anderen Seite steht ein ungefähr gleichaltriger Holländer oder Flame mit Jesus-Sandalen, einem
Holzstab und sein Haupt wird mit einem spitzkegeligen Hut bedeckt, so wie ihn die vietnamesischen Reisbauern
tragen. Er ist wohl geistig in sich gekehrt und weder seine Haltung noch seine Mimik verraten irgendwelche
Emotionen.


Auch etliche Soldaten in Kampfuniformen und schweren Rucksäcken sind da. Ich erkenne die US-Army, Dänische,
Schwedische, Britische, Niederländische und Belgische und natürlich auch Bundeswehrsoldaten an ihrer Bekleidung.


Mir fällt ein Major der Bundeswehr besonders auf, der mit seiner Tarnuniform und seinem Dschungelhut, wie
ihn früher die Französischen Fremdenlegionäre in Indochina trugen, sich sehr temperamentvoll mit anderen
Soldaten unterhält. Er erinnert mich mit seinem Erscheinungsbild und seinem enthusiastischen Verhalten sehr an
den damaligen Major Maple der US-Army bei meiner Badwater-Ultramarathonteilnahme in 2005.

Siehe https://www.youtube.com/badwater


Die teilweise sehr gute Musik und das Beobachten der bunten und abenteuerlichen Vielfalt der angetretenen Marsch-
teilnehmer lässt mich das Warten auf den Startschuss kurzweilig erscheinen. Leider fängt es so ungefähr eine
halbe Stunde vorm Start an zu regnen. Glücklicherweise habe ich meine Regenjacke dabei, die mir besten Schutz
gegen Nässe gewährt.


Es ist 21 Uhr und pünktlich fällt der Startschuss. Da ich mich aus Sicherheitsgründen ganz hinten und außerhalb
der großen Menschenmasse aufgestellt hatte, dauert es ca. 20 Minuten bis ich den Startteppich überschreite. Nur
langsam bewegt sich die km-lange Marschkolonne, die mich gegenwärtig mehr an eine Fronleichnamprozession als an ein
Sportevent erinnert, weiter, immer wieder kommt es bedingt durch den für die vielen Teilnehmer zu engen Weg zu
kurzen Rückstaus. Nach kurzer Zeit stoßen dann weitere mehrtausende Wanderer vom anderen Startblock dazu. Ich fühle
mich als Ameise auf einem großen Ameisenhaufen. An langsames ultraschlappschrittliches Joggen in meinem Wohlgefühl
ist nicht zu denken.


Erst nach etwa 20 km kann ich meine eigene in vielen Ultramarathonläufen bewährte Fortbewegungsart (langsames
Joggen mit nur mm-anhebenden Füßen) beginnen. Doch immer wieder werde ich durch langsam nebeneinander gehende Leute
ausgebremst. Es regnet noch immer und auf den nicht geteerten oder gepflasterten Wegen haben sich Pfützen gebildet
und der Untergrund ist teilweise glitschig geworden. Mehrmals kann ich Stürze durch Ausrutschen gerade noch vermeiden.


Nach ca. 4 Stunden hat es mit dem Regen aufgehört, der Parcours verläuft über Flussdämme, durch Gärten, äcker,
kleine Wälder und immer wieder werden kleine Dörfer oder Städte durchschritten.


An den VP's gibt es Wasser, Obst manchmal äpfel meistens Bananen und süße Kuchen und Backwaren. Mit letzterem kann
ich gar nichts anfangen. Einmal nehme ich eine Banane zu mir, und sofort sendet mir mein Magen Signale, die mir
begreiflich machen, dass er sie gerne wieder hergeben würde.


Mir fehlt Coca-Cola und da die mitternächtliche Stunde wohl weit überschritten ist - ich schätze die Zeit und laufe
bewusst ohne Uhr - werde ich müde. Ich verfalle sogar in einen Sekundenschlaf, was mir auffällt, als ich abrupt von
einem Maschendrahtzaun aufgehalten werde…


Irgendwann kommt ein Platz, an dem es das belgische AQUARIUS-Sportgetränk gibt. Es ist sehr wohlschmeckend und inner-
halb weniger Minuten nach der Verköstigung bin ich wieder glockenwach.


Nach ca. 40 km ist eine Brauerei erreicht. Aber im Gegensatz zu früheren Zeiten findet die Verpflegung nicht mehr im
Gebäude sondern außerhalb unter freiem Himmel an Buden und an langen Holztischen und -Bänken statt. Hier ist das
Angebot an Speisen und Getränken reichlich. Ich genieße Weißbrot mit Salami und 2 heiße wohlgewürzte Fischsuppen,
trinke dazu frisch gezapftes Bier und fühle mich klasse.


Die Dämmerung hat bereits begonnen und die bleierne Nachtmüdigkeit ist gegangen. Es ist bereits hell, als das schon
lange erwartete 50 km-Schild rechts an einer Wegegabelung erscheint.


Im Gegensatz zu Biel, wo es an den VP's überall Powergel und Cola gibt, die es mir immer leicht machen, gegen mentale
und körperliche Unlustgefühle anzukämpfen, gibt es hier nur an 3 Stellen Cola und nirgendwo Powergels, statt dessen
Kaffee und Tee, womit ich nichts anfangen kann…


Und wie erahnt, erkennt mein Innerer Schweinehund sofort meine gegenwärtige Gefühlslage: " Joah…Du Dummkopf, viel mehr
als die Hälfte der Strecke hast Du noch nicht geschafft…die Gegend ist langweilig und flach…und gleich wird es wieder
regnen, und schaue doch nur mal nach vorne…km-weit siehst du diese Fronleichnamsprozession vor Dir…Deine Füße schmerzen,
und irgendwann werden auch noch die paar Wolken verschwinden, die Sonne wird Dein Gesicht verbrennen…Du brauchst dringend
Cola und Powergels, aber diese Geizbelgier sind einfach blöd…so wie Du selbst…Du wirst immer älter und gleichzeitig doofer…


Oh je, es ist schon ein böses, garstiges Tier, das mich mittlerweile im Griff hat und meine Laune vermiest! Es kommt gerade
rechtzeitig eine VP und ich lasse mich stuhlsitzend nieder. Sofort beginnt ein Nachbar, ein ca. 30-jähriger Deutscher ein
Gespräch mit mir, ein sehr kurzweiliger und angenehmer Dialog kommt zustande und der Innere Schweinehund tritt sofort den
Rückzug an. Mindestens eine halbe Stunde mache ich an diesem Ort eine Pause, trinke viel Wasser, esse etwas trockenes Weißbrot
und beschließe, an jeder nun kommenden Verpflegungsstelle ebenso zu pausieren. Es ist kein Laufwettbewerb und die Zielzeit ist
mir so egal wie das Erscheinungsbild unserer Kanzlerin im Hosenanzug oder in einem ihrer kartoffelsackähnlichen Kleider.


Das Pausieren an den VP's ist meistens mit guter Kommunikation verbunden und so ungefähr bei km 65 betreut mich wieder mein
Innerer Guthund, der sich nicht scheut, mir höchst angenehme Komplimente zu machen und mich auf weitere schöne Ausdauer-
leistungen einschwört. Und als sehr schön empfinde ich die jetzt zu durchlaufende Landschaft. Kleine Schatten gebende Laubwälder
wechseln mit intensiv landwirtschaftlich genutzten Feldern ab. Ja, ich kann jetzt meinen kräfte- und orthopädieschonenden
Laufstil, den ich mir seit vielen Jahren angeeignet habe, optimal tätigen.


Da ich an den Verpflegungsstellen immer längere Pausen mache als die mich umgebende Allgemeinheit, bekomme ich immer wieder
die gleichen Leute zu Gesicht, die wandern und ich dann ultraschlappschrittlaufend langsam überhole. Aber nicht immer, denn
ab und zu werde ich als Läufer von schneller Gehenden überholt. In der Regel sind sie größer als ich.


"Hallo, Du Gardesoldat, wie groß bist Du, 1 m und 9?", frage ich einen mich gerade überholenden Twen mit einem BW-Rucksack.
"1 m und 7" kommt als Antwort.


Ja, die Generation der 90-iger Jahre hat an Körperwachstum uns in der Mitte der 40-iger Jahre Geborenen doch etwas voraus.
Alete Kost fürs Kind und andere wohl sehr protein-, vitamin- und mineralstoffhaltige Lebensmittel standen uns kurz nach dem
Ende des 2. Weltkriegs nicht zur Verfügung.
Mit 182 cm war ich Mitte der 60-iger Jahre als Soldat eher bei den Grossen. Heute komme ich mir dagegen oft verzwergt vor.
Einer der mich ebenfalls überholt, gibt sogar seine Größe mit 212 cm an. Es kommt mir vor, als wenn gerade eine Massaiung
junger Männer stattfindet… Ich glaube, dass zu meiner Zeit die Einkleidung solcher Rekruten nicht problemlos geklappt hätte.


Das Schild 75 km wird erreicht und ich biete einigen Wanderern davor an, sie mit ihren Handys zu photographieren, was sie gerne
annehmen und freut.


Es ist wieder wolkenloser Himmel, glücklicherweise nicht so heiß wie die vergangenen Wochen, aber die Sonne brennt, und mein
Gesicht rötet. Die Beine und Arme sind mittlerweile sonnenbrandresistent, jedoch die Haut im Gesicht und vor allem auf der
Nase wird wohl wieder erneuert, was mich schon lange zur überzeugung gebracht hat, dass der dermatologische Lehrsatz
"der Körper vergisst keinen Sonnenbrand und irgendwann kommt der Hautkrebs!" nichts anders als ein Mythos ist.


…und die mittlerweile erreichte Strecke von 80 km fordert ihren Tribut. Immer mehr Teilnehmer sehe ich humpeln, bei manchen
verschiebt sich der Oberkörper mehr und mehr seitlich, an den Verpflegungsstellen liegen jetzt viele mit dem Rücken auf der
Erde und strecken die Beine auf Stühlen nach oben aus…kurzum, ich sehe jetzt viel Leid und Elend. Auch sehe ich immer öfter
Sanitäter, die auf Bahren Kollabierte abtransportieren.


So ab km 90 verspüre auch ich wieder größte Unlust, und was der wiedererwachte Innere Schweinehund jetzt mir zubrüllt, will ich
hier gar nicht wiedergeben… Wir befinden uns auf dem Scheldedamm, absolut flach, teilweise kerzengerade, vor mir tausende,
hinter mir tausende, die Sonne brennt, mir kommt es vor, als wäre ich Bestandteil einer Großherde Schafe, die selbständig zum
Metzger trottet… früher gab es hier einen Red Bull-Stand, heute gibt es nur eine Liptenstee-Ausgabe in einer eisgekühlten Dose,
die aber doch gut tut.


Am letzten VP bei km 94,5 gibt es jetzt Coca-Cola, das ich freudigst trinke und mich auch wieder gutlaunig werden lässt. Nach
Verlassen der VP sehe ich die große Marschiererherde nicht mehr als Schafe, die zum Schlachtplatz trotten sondern als Germanische
Helden auf dem Weg zum Wallhall…


Und bald ist der Zielort Bornem erreicht und das erste Schild verkündet: "nog 5 km!" Denn von jetzt sind alle km bis zum Ziel
ausgeschildert! Doch lange ziehen sich die km, viele begeisterte Zuschauer sind auf der Straße, 4 km, 3 km, 2 km…Ich überhole
nur und betrachte mir die Gesichter meiner Marschkameraden und Kameradinnen, manche freudestrahlend, andere roboterhaft von aussen
teilnahmslos wirkend voranschreitend, einigen stehen Tränen in den Augen…Ich klopfe einigen, denen ich immer wieder begegnet bin
auf die Schulter, was meist mit ebensolchem Schulterklopfen freudestrahlend erwidert wird und jetzt geht es ca. 500 m durch eine
Straße mit vielen Bistrobesuchern und an der Absperrung stehen Menschentrauben, die begeistert applaudieren.


Mit großer Freude kommt nun der Triumphbogen unmittelbar vor dem Zielzelt, ein 26-jähriger belgischer Soldat, mit dem ich mich
unterwegs mehrmals unterhalten hatte, bleibt stehen und umarmt mich…ich umarme ihn auch und habe plötzlich wie auch er Tränen in
den Augen…


Die Teilnehmerkarte wird gescannt, ich höre: "Glückwunsch Bernhard, zum 7. Mal dabei!" die Finisherurkunde wird sofort ausgedruckt
und ich bekomme eine Papiertasche mit einem Zielbier.


Für einige Minuten lasse ich mich noch auf einer Bank im Zelt nieder, strecke die Beine aus und unterhalte mich noch ca. 5 Minuten
angenehmst in Siegereuphorie mit einem Kameraden aus Rodalben bei Pirmasens, den ich unterwegs kennengelernt hatte.


Da ich doch noch eine 300 km-trige Autobahnstrecke vor mir habe, breche ich dann zum Parkplatz auf.


Unterwegs fährt ein junger Mann in einem Rollstuhl - nach meinem Augenschein querschnittsgelähmt - an mir vorbei. Hält abrupt vor mir
an und sagt:" Ich möchte Ihnen gratulieren und meine Hochachtung für Ihre soeben vollendete großartige Leistung aussprechen!" Er, der
leider in seinem Leben nicht mehr die Freuden der natürlichen Fortbewegung genießen kann, freut sich mit mir...Tief beeindruckt klopfte
ich ihm auf die Schulter und konnte nur so lange meine Tränen zurückhalten bis ich außer Reichweite von ihm war.


Die Rückreise nach Trier verlief absolut problemlos, und ich werde in 2019 auch wieder in Flandern sein, dann aber Powergels und
genügend Coca-Cola in meinem Rucksack mitführen!
Auch bin ich von meiner Navigationsgerätephobie geheilt und werde in Zukunft bei solchen Anlässen diese das Autofahren leichter machende
Technologie nutzen!




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letztes update 12.9.2019